Fossiles System vor dem Kippen?

Die renommierten Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber und Ottmar Edenhofer äußern sich zur Frage, ob mit dem Klimagipfel in Paris ein Durchbruch erzielt werden kann

© Thorben Wengert / pixelio.de
© Thorben Wengert / pixelio.de

Zwei der renommiertesten Klima-wissenschaftler haben die Frage debattiert, ob auf dem Klimagipfel in Paris ein Durchbruch erzielt wird und die Welt sich aus dem fossilen Zeitalter befreit. Ein Physiker und Papstberater auf der einen, ein Ökonom und ehemaliger Leitautor des Weltklimaberichts auf der anderen. Optimist gegen Pessimist.

 

Trotz unterschiedlicher Auffassung zu den Chancen von Paris, sind sich beide einig: Ein CO2-Preis und ein funktionierender Emissionshandel sind nötig. Aber damit sich die Politik dorthin bewegt, braucht es den Druck der Straße.

 

Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), glaubt, dass die von den Staaten bisher eingereichten Klimaziele das Zeug für eine Wende im Klimaschutz haben. "Wenn die jetzigen Selbstverpflichtungen tatsächlich umgesetzt werden, dürfte das das System schon zum Kippen bringen", sagt Schellnhuber und mit dem System meint er die auf fossilen Energien aufbauende Weltwirtschaft. Würden alle Staaten strenge Klimaregeln festlegen und würden die Ökoenergien weiter wachsen, so werde das die Kohlekraft an den Rand drängen. Denn zwei Energiesysteme – erneuerbar und fossil – könnten nicht nebeneinander bestehen bleiben.

 

Er sei optimistisch, dass in Paris ein Klimaabkommen beschlossen wird. Es gebe nun einen viel stärkeren Druck aus der Gesellschaft. Dazu zählt Schellnhuber die Umweltenzyklika des Papstes, den er dafür beraten hat, auch den Klima-Marsch von 300.000 Menschen im September 2014 in New York sowie die Divestment-Bewegung. All der Protest gehe ins allgemeine Bewusstsein über und delegitimiere die fossilen Energien. Bestes Beispiel ist für Schellnhuber die Atomkatastrophe von Fukushima, die dem deutschen Atomausstieg den Weg geebnet hat: "Das hat die moralische Wahrnehmung einer Technologie verändert."

 

Ottmar Edenhofer, der Chefökonom des PIK, teilt die Euphorie um die eingereichten Klimaziele nicht. Die Ziele, so wie sie von vielen Länder formuliert wurden, würden einen großen Spielraum lassen. Manche Länder würden nicht konkret werden, während die meisten ganz unübliche Basis- oder Zieljahre für die CO2-Minderung angeben. Überdies sei gar nicht gesagt, dass die Ziele am Ende auch erfüllt werden – schließlich sind es ja nur bloße Absichtserklärungen, die keine rechtliche Verbindlichkeit haben.

 

Edenhofer sieht auch die Kohleindustrie keineswegs im Rückzug und spricht sogar von einer "Renaissance der Kohle". Auf der ganzen Welt würden derzeit Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von einer Million Megawatt gebaut. Und nicht nur in Indien, Indonesien oder Afrika entstehen neue Dreckschleudern – auch in Europa: in Polen, den Balkanländern und in der Ukraine. Kohle sei einfach zu billig, so Edenhofer, wenn auch nur deshalb, weil die Schäden für die Gesundheit überhaupt nicht miteinberechnet seien.

 

So oder so braucht es den Druck der Bürger !

 

Mit jetzigen Investitionsentscheidungen werden Fakten für die nächsten 40 Jahre geschaffen – so lange laufen die Kraftwerke. Rund 90 Prozent der Kohle müssen aber im Boden bleiben, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, sagen Wissenschaftler. Angesichts dessen wird es eng, wenn jetzt noch Hunderte Kraftwerke in Betrieb gehen. Daran könne auch die Divestment-Bewegung nichts ändern. Denn wenn Investoren ihre Gelder aus dem fossilen Geschäft abziehen, führe das keineswegs zu einem Preisverfall der fossilen Werte. Dazu sei die Kohle derzeit noch zu lukrativ. Irgendwo fänden sich immer noch andere Investoren.

 

Nötig sei deshalb eine weltweit einheitliche CO2-Bepreisung in Kombination mit einem Ende der Subventionen für die fossile Industrie.

 

Die Kohle müsse "als Zentrum des Problems" wahrgenommen werden, sagt der Edenhofer.

 

Zwar glaubt auch Edenhofer, dass langfristig zwei Energiesysteme nicht parallel bestehen können und es früher oder später zu einem Epochenwechsel weg von den fossilen hin zu den erneuerbaren Energien kommen wird. Das Problem: Ein Wandel im Jahr 2030, 2040 oder 2050 wäre aber zu spät – die zwei Grad könnten nicht mehr gehalten werden.

 

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