Lernen aus Atomkraft

Kosten und Nutzen der Atomkraft in Deutschland zeigen ein eklatantes Missverhältnis

Aus Atomkraft lernen. Das ist der Aufruf von Michael Müller, Chef der Endlager-Such- kommission des Bundestages, bei der Vorstellung der ersten Zeit- und Kosten-schätzung zur Atommüll-Ent- sorgung:

"Es kann nicht sein, dass eine Technik mit hohen Subventionen in die Welt gesetzt wird, wenige Konzerne dann für wenige Jahre hohe Gewinne abschöpfen und dann die Gemeinschaft große Summen für die Beseitigung der Folgen aufwenden muss."

mehr: Atom-Entsorgung wird noch viel teurer

 

Wir haben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wesentliche Eckdaten in einer Grafik zusammengefasst. Das eklatante Missverhältnis von Kosten und Nutzen bei der Atomkraft in Deutschland wird dabei sichtbar.

Atomstrom:

  • Weniger als 5.632 TWh Atomstrom werden nach Abschaltung der letzten Reaktoren zum 31.12.2022 in Deutschland produziert worden sein.
  • Dies entspricht 9,7 Jahre der Gesamtstromproduktion Deutschland.

 

Belastung der Gesellschaft - Kosten und Zeit:

  • 219 Mrd. € Subventionen bzw. staatliche Förderungen sind alleine von 1970-2014 für Atomkraft gewährt worden, wovon 190 Mrd. € der Stromerzeugung zuzuordnen sind.
  • 135 bis 210 Jahre (oder sogar länger) tragen wir als Gesellschaft die Lasten und Risiken der Atomkraft  - von der ersten Inbetriebnahme eines AKW (VAK Kahl, 1.2.1962) bis zum Verschluss des Atomendlagers.
  • Danach ist für zehntausende von Jahren die Sicherheit des Endlagers von nachfolgenden Generationen zu gewährleisten.
  • 50 - 70 Mrd. € für die Atommüll-Entsorgung lautet die erste Kostenschätzung der Endlager-Suchkommission. Die Rückstellung der 4 Atomkonzerne, die sich in 2014 auf 38 Mrd. € belaufen sollten, reichen also keinesfalls aus um die Kosten zu decken.
  • Die 4 Atomkonzerne schöpfen derzeit alle rechtlichen Mittel aus, um Milliarden-Forderungen gegenüber Deutschland geltend zu machen. Alleine Vattenfall klagt wegen der Stilllegung der AKWs Krümmel und Brunsbüttel auf 4,7 Milliarden € Schadenersatz vor einem internationalen Schiedsgericht.
    Ein Beispiel dafür, was uns als Gesellschaft und der deutschen Politik nach Abschluss der TTIP Verhandlungen auch in anderen Bereichen bevorstehen könnte wenn es um den Schutz von Umwelt und Gesundheit gegen den Investitionsschutz internationaler Konzerne geht.
  • Es kommt hinzu, dass nicht klar ist, wie viel der Rückstellungen tatsächlich zur Verfügung stehen werden. Denn diese befinden sich in den 4 Atomkonzernen und sind von diesen investiert - auch in Anlagen zur Braun- und Steinkohleverstromung deren absehbare Wertentwicklung nichts Gutes verspricht.

mehr: fös: Studien

mehr: fös[2015]: Was Strom wirklich kostet

mehr: Handelsblatt: Vattenfall Klage kostet Deutschland schon jetzt Millionen

Rückblick

1962-1989 (28 Jahre, 1.357 TWh Atomstrom)

Der Aufbau der Atomkraft in Deutschland ist durch die geopolitischen und technischen Entwicklungen der damaligen Zeit beeinflusst - einerseits durch den kalten Krieg und massivem Wettrüsten der Supermächte auch mit Atomwaffenarsenalen in beiden Teilen Deutschlands. Andererseits eine Zeit mit rasantem technischen Fortschritt, der mit einem schier unerschütterlichen Vertrauen der Menschen in die technische Machbarkeit einherging.


1970 wurde der Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet.

mehr: fr-online: UN fordert totales Atomwaffen-Verbot


In Deutschland gab es Ende 1969 bereits 7 AKWs die in Summe ca. 10 Terrawattstunden Strom produziert hatten. Die staatliche Förderung des Atomstrom in Deutschland hatte in 1970 eine Wert von 70,2 Cent/kWh – eine Größenordnung die niemals von einer anderen Energieform auch nur annähernd erreicht wurde und die Prioritäten der damaligen Politik dokumentiert.

Der Atomunfall vom 28.3.1979 in Harrisburg (Stufe INES 5) erschütterte das Vertrauen in die Technikgläubigkeit vieler Menschen. Der Super GAU vom 26.4.1986 in Tschernobyl leitete das Ende der Atomkraft in Deutschland ein.

1989 ging das letzte AKW in Deutschland in Betrieb. Damit war das Ende der Atomkraft in Deutschland besiegelt.


1990-2022 (33 Jahre, <4.275 TWh Atomstrom)


Nach dem Ende des Kalten Kriegs und dem Fall der Mauer war der Zeitgeist geprägt von Freiheit – wobei leider sehr oft Verantwortung für Umwelt und nachfolgenden Generationen verdrängt und vergessen wurde. Zur Atomkraft war die Gesellschaft in Deutschland gespalten. Viele Menschen glaubten oder predigten sogar das Märchen vom billigen Atomstrom. Atomstrom war aber bereits seit 1989 eine "totes Pferd" da keine neuen AKWs geplant und gebaut wurden. Mit dem "Atomkonsens" in 2000, der "Laufzeitverlängerung" in 2010 und der Begriff "Atomausstieg" in 2011 ging es praktisch nur noch um die Frage, wie lange die vorhandenen AKWs noch Atomstrom und Atommüll produzieren dürfen.

 

Auf der anderen Seite entwickelte sich nach Tschernobyl aus den Atomkraftgegnern eine breite Bürgerbewegung um Alternativen zu schaffen. Es entstanden die Ökostrom-Pioniere EWS Schönau, Greenpeace Energy, Naturstrom und Lichtblick. Diese 4 Pioniere versorgten in 2011 bundesweit bereits 1 Million Kunden mit Strom, der ohne Atomkraft und CO2-neutral erzeugt wurde. Es entwickelten sich viele Energiegenossenschaften, die die tragende Säule der Energiewende von 2000 bis 2013 wurden. Strom aus Erneuerbaren Energien überholte in 2011 die Atomstromproduktion in Deutschland und wird voraussichtlich in 2016 auch den Höchststand der Atomstromproduktion (170 TWh in 2001) überflügeln.


Heute ist klar, dass der Bau von neuen Atomkraftwerken unwirtschaftlich ist. Mit Blick auf die finanziellen Desaster beim Bau der "neuen" Druckwasserreaktor ERP von Areva in Finnland und Frankreich können wir in Deutschland schon aus rein wirtschaftlichen Gründen froh und dankbar sein, dass nach 1989 keine neues AKW mehr in Deutschland gebaut wurde.

mehr: Atomkraft unwirtschaftlich

Ausblick

nach 2023 (70 – 150 Jahre, 0 TWh Atomstrom)

 

Im Mai 2014 nahm die Endlager-Suchkommission des Bundestages ihre Arbeit auf und stellte im April 2015 einen möglichen Zeitablauf und Kostenrahmen vor: Beginn der Endlagersuche: 2018, Festlegung eines Endlager-Standortes: 2031, Inbetriebnahme des Endlagers frühestens 2045 bis 2050. Die Einlagerungsprozedur etwa 30 bis 80 Jahre dauern, d.h. könnte etwa zwischen 2075 und 2130 abgeschlossen sein. Der Zustand eines verschlossenen Endlagerbergwerks wird zwischen 2095 und 2170 oder später erwartet.


Deutschland beginnt also mit der der Suche eines Endlagers, wenn quasi die Atomstromproduktion beendet ist. Das Nachhaltigkeit anders aussieht, kann nun wirklich jeder Bürger leicht erkennen.


Der Zeitplan zeigt, dass die Zwischenlagerung des hochradioaktiven Atommüll in den Castoren zu überarbeiten ist. Die bisherigen Zwischenlager – zwölf an AKW-Standorten plus je eines in Gorleben (Niedersachsen), Ahaus, Jülich (beide NRW) und Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) – sind nur für 40 Jahre genehmigt. Die Genehmigungen reichen also nur bis 2040 - 2045. Nicht nur für die Castoren und die Gebäude sind dabei Maßnahmen erforderlich. Insbesondere ist auch die sich verändernde Sicherheitslage neu zu bewerten  und Vorkehrungen zum Schutz der Zwischenlager zu treffen.


Es ist deshalb wohl eher unwahrscheinlich, dass es bei den nun geschätzten 50 - 70 Mrd. € Kosten bleibt, wenn man all diese notwenigen Maßnahmen berücksichtigt.

 

Die Rückstellungen der 4 Atomkonzerne decken nicht annähernd die Kosten für die Atommüll-Entsorgung. Regierungen und Politik haben die Rahmenbedingungen und Gesetze für die Atomwirtschaft geschaffen. Es ist klar, dass die Wirtschaft und die 4 Atomkonzerne nur innerhalb ihrer ökonomischen Grenzen handeln. Grundsätze des Allgemeinwohls und Generationengerechtigkeit werden sie hintanstellen sobald dies ihre Wirtschaftlichkeit signifikant belastet.


Es ist nicht schwer zu vorauszusehen, dass die 4 Atomkonzerne per Saldo ihre Verpflichtungen in Höhe von 38 Mrd. € durch Ausnutzung aller rechtlichen und politischen Möglichkeiten nochmals deutlich reduzieren werden - zu Lasten der Gesellschaft.

 

Die Entscheidung für einen Endlager-Standort wird Konflikte mit sich bringen. Setzen sich die seit 2013 beobachtbaren Trends fort, ist zu erwarten, dass der Teil der Gesellschaft, der bereits langjährig gegen Atomkraft und für Umweltschutz sowie für Erneuerbare Energien engagiert hat kritisch, aber kompromissbereit den Prozess begleiten wird. Widerstand gegen ein Atomendlager ist wohl eher aus einer anderen Richtung zu erwarten.


Wenn bereits beim Bau von Stromleitungen und Windrädern große Aufregung herrscht und Bürgerinitiativen entstehen, die gegen alles sind, was vor ihrer Haustür stattfindet, was wird sein, wenn vor der eigenen Haustür ein Atomendlager entstehen soll?!

Anmerkungen:

Stromproduktion Atomkraft in Deutschland:

  • 5.074 TWh haben deutsche AKWs vom 1.2.1962 bis 31.12.2014 produziert.
  • Weniger als 558 TWh Atomstrom könnten bis 31.12.2022 noch produziert werden, wenn die verbliebenen deutschen AKWs wie zwischen 2012 und 2014 weiterhin auf Hochtouren laufen. Die ökonomische Optimierung auf die Restenergie in den Kernbrennstäben ist dabei nicht berücksichtigt, d.h. wie bei Grafenrheinfeld ist mit etwas geringer Produktion oder vorgezogenen Abschaltterminen zu rechnen.

Subventionen bzw. staatliche Förderungen der Atomkraft:

  • Deutschland trug und trägt über Subventionen und Förderung für die nationale Stromproduktion hinaus u.a. auch Kosten für Altlasten DDR und Beiträge für Tschernobyl.
  • Subventionen vor 1970 und ab 2015 kommen noch hinzu, hierzu liegen uns keine Daten vor.

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